Samstagsbrief für den 28. September 2019

Liebe Leserin, lieber Leser

Drei andere Kniebeugen
Ich sehe hinüber zur grossen Moräne, zum Lindenberg; an dessen Fuss ein Weg entlanggeht. Dort steht ein kleiner Baum, eine Bank; dort ruhen die Wanderer aus.

Es dämmert schon. Da kommt eine Frau, schwarze Hose, weisse Bluse, in strammem Schritt, gut sichtbar. Plötzlich steuert sie energisch in die Wiese hinaus: Einmal hoch und nieder, die Kniebeuge, wieder hoch und nieder; dann zurück, zur Bank und zum Kübel. Es waren Kniebeugen für den Hundedreck.

Der andere Appetit
Viermal am Tag ist Ausgabe der Medikamente. Sie kommen in verschiedenen farbigen Plastik-Becherchen. Es gibt grosse, kleine; kurze und längliche, runde in allen Grössen und Farben mit unterschiedlichen Einkerbungen, die für Insider etwas bedeuten.
Als ich ankam, dachte ich nichts Böses. Jetzt ist es soweit. Ich hasse sie. Sie haben mir gründlich den Appetit verleidet. Beinahe alles widersteht mir. Wie ist das möglich? Ich muss mit dem Arzt reden. Am nächsten Mittwoch ist er wieder da.

Die andern Schüler
Halb acht muss ich bereit sein fürs Morgenessen. Die ersten Töffs brausen vorbei vor meinem Fenster. Sogar die Lambretta gibt es wieder; dazu alle möglichen Sorten Motorräder.
Der König ist das Velo.
Nullvier und vierunddreissig kommt der Bus. Er bringt die Schüler in Scharen. Seminarstrasse 11 ist meine Hausnummer.
Wie schön ist die Strasse, wenn sie von jungen Leuten erfüllt ist, wenn alles sich bewegt und vorwärtsströmt; schön mit Händen und Füssen, Köpfen und Beinen; schön mit allem Miteinander, mit Frisuren und Farben.
Ich gehe mit.
Mein Aufgabe bleibt: Ich bete.

P. Werner Hegglin