Samstagsbrief für den 15. Juni 2019
Liebe Leserin, lieber Leser,
nach kühlen Maitagen, nach Winden und heftigen Regengüssen strömt wieder Wärme ins Land. Wir glauben an die Prognose. Überall ums Haus kommt und geht Traktorenlärm. Alle Nachbarn schneiden, so viel sie können. Es duftet nach frischem Gras. So kommt Pfingsten.
Ein schönster Regentag
Ich liege im Spital, im vierzehnten Stock; schaue auf gleicher Höhe hinüber zum Sonnenberg; vom glänzend weissen Gütschhotel angefangen bis hin zum Wald, der verschwindet hinter Littau.
Es klopft, eine Pflegerin kommt herein; heute regnet es nur einmal, sagt sie und geht wieder.
Hinter dem Sonnenberg, von Kriens herauf, steigt dicker Nebel empor, wieder und wieder; fliesst über den Horizont zu mir herüber, stürzt sich hinab als „Wasserfall“ und verzettelt sich in schwarzen Tannenreihen. Manchmal bleiben Nebelsäulen zwischen den Bäumen stehen, hocherhoben, wie beim Auszug aus Ägypten.
Der Wind wirft Regen an meine Fensterwand, Tropfen perlen endlos herunter; sie tauchen mich und Häuser und Bäume in die nasse Welt. So beginnt es morgens früh; so geht es tagsüber weiter und in die Nacht hinein: Leuchtend weisse Nebel, Wolken und Regen, das Schauspiel im vierzehnten Stock.
Eine schönste Zimmerdecke
Wenn die Flaschen an den Ständern hangen, wenn die farbigen Flüssigkeiten tropfenweise in die Vene rinnen, braucht es Zeit. Ich habe gerne Zeit. Ich kann mich am Warten freuen. Warten erlernte ich vielerorts, jetzt übe ich es im Spital. Warten ärgert mich nicht mehr.
Die lange Weile ist, was sie sagt: Sie lässt mich verweilen. Zeitweise sitze ich dabei im Stuhl, zeitweise liege ich im Bett. Über beidem ist – wie gewohnt – die Zimmerdecke.
Ich merke erst am zweiten Tag: Da oben, über mir, ist ja gar keine Decke; da ist ein Bild.
Das Zimmer ist zudem ein hoher Raum, höher als gewohnt, und länger, und lässt staunen, und ist – sage und schreibe – vollständig bemalt mit einem hellen, durchscheinenden Grün; heiter, leicht und schön, wie nur eine reine Farbe schön sein kann.
Darin gibt es, rhythmisch gestreut, eine Art weisser Zungen; nicht widerlich herausgestreckte Zungen; eher grosse längliche Flocken, die mir, ohne jeden Zweifel, sofort Pfingstgeist zeigen, weisses Feuer, von oben.
P. Werner Hegglin